VIZSLA „führt“ WHIPPET?

Wow! Das hätte ich niemals erwartet, dass mein Video über den Frühlingslauf auf den Husarentempel im Naturpark Föhrenberge eine dermaßen angeregte Diskussion darüber, dass ich meinen Magyar Vizsla Fridolin mit meinem Whippet Paul zusammengekoppelt habe, verursachen würde, nachdem ich das Video in der Facebook-Gruppe „Whippets Österreich“ gepostet hatte.

Nach meinem Dafürhalten zeugen die vielen Kommentare – positive, lustige und kritische gleichermaßen – dass sich alle VerfasserInnen sehr um ihre Whippets kümmern und sorgen und sich in diese zauberhafte, aber nicht immer nur einfach zu handhabende Rasse verliebt haben. Zumindest das haben wir alle gemeinsam, ja, auch ich

Andererseits sind wir alle unterschiedliche Individuen mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, im eigenen Leben und im Leben mit Hunden, und wir alle haben unterschiedliche Hunde, auch wenn sie in diesem Fall der Gattung Windhund und der Rasse Whippet angehören (mein Paul zum Beispiel geht bei Regen und Schnee fast genauso gerne raus wie der Vizsla, ganz anders als der Ridgeback, und er hat mir noch nie den Eindruck vermittelt, dass er einen Regen- oder Wintermantel bräuchte oder möchte – und das nicht, weil ich jetzt einen auf „Naturbursch“ mache, sondern weil er sich bei Regen oder Schnee nicht anders verhält als bei schönem Wetter – also eigentlich ziemlich konträr zu vielen anderen Whippets). Dazu leben wir in unterschiedlichen Umgebungen, haben unterschiedliche Tagesabläufe und auch hinsichtlich der Hunde unterschiedliche Interessensbereiche (Ausstellungen, Rennbahn, Agility oder auch „nur“ Spazierengehen). Was ich damit sagen will: klar, dass wir verschiedene Vorstellungen, Meinungen und Ideen haben, was unsere Hundehaltung anbelangt.

Was meine persönliche Erfahrung (beruflich und als Hundehalter) anbelangt, denke ich, dass es wenig Themen gibt, die so emotional und kontrovers diskutiert werden wie Kindererziehung und Hundehaltung. Dabei lieben wir alle unsere Kinder und unsere Hunde und wollen nichts lieber, als alles richtig zu machen (naja, manchmal auch: als mit unserer Meinung recht zu haben). Doch aus dem einfachen Grund, dass – um bei den Hunden zu bleiben – jeder Hund ein Individuum ist, genauso wie jede/r Halter/in, und sich darüber hinaus die jeweiligen Situationen immer unterscheiden, kann so etwas wie eine allgemein festmachbare richtige Hundehaltung oder -erziehung mit festen Regeln und Gesetzen auch nicht beschrieben werden. In wie vielen – ebenfalls teilweise kontroversen – Büchern wurde das schon versucht …

Ich spreche hier natürlich nur für mich und gebe meine Ansicht der Dinge wieder. Ich will damit weder irgendwen von dieser Ansicht überzeugen, noch auf deren allgemein gültige Richtigkeit pochen 

Doch um mehr Klarheit in die vieldiskutierte Situation im angesprochenen Video zu schaffen, folgende facts:

Meine Hunde bedeuten mir sehr viel. Sie verbringen den ganzen Tag mit mir, sieben Tage die Woche. Mein Ziel ist es, ihnen in unserem Rudel soziale Sicherheit, Schutz und Geborgenheit zu gewährleisten, und ihre Grundbedürfnisse nach Bewegung, Ernährung und Ruhe zu befriedigen. Dafür müssen sie umgekehrt „alltagstauglich“ sein, d.h. wissen, was ich mir von ihnen in gewissen Situationen erwarte und sich danach verhalten. Dahin führen unterschiedliche Wege, von denen ich viele ausprobiert habe, physische und psychische Gewalteinwirkung selbstredend ausgeschlossen.

Das funktioniert aus meiner Sicht gut, und so können wir uns im Alltag meist entspannt und sicher bewegen. Bei Amani heißen die Ausnahmen dabei: läufige Hündinnen und etwa gleich große, unkastrierte Rüden, die ihm drohen und gleichzeitig Unsicherheit ausstrahlen. Ok. Da leine ich ihn an, denn da hört er dann nicht mehr so gut. Mit vorausschauender Präsenz leicht zu managen.

Bei Paul heißt die Ausnahme: Witterung von Wildtieren und sich schnell bewegende Objekte. Ich kann vielleicht Objekte vor ihm ausnehmen, aber bei der Witterung muss ich passen. Und er ist dann so schnell und unvermittelt weg, ohne vorher lange anzuzeigen, dass jede Reaktion von mir lächerlich zu spät kommt. Dabei hat es bis zum Alter von ca. einem Jahr super geklappt. Ich war richtig stolz darauf, wie der Rückruf funktionierte. Dann seine ersten selbständigen Ausflüge. Training mit Schleppleine, Futterbeutel, Ablenkung, vieles von dem, was man in den Anti-Jagdtrainingsbüchern so liest, habe ich mit ihm angewandt. Mit großem Erfolg, so lange kein Auslösereiz da war. Sobald ihm jedoch etwas in die Nase oder unter die Augen kam, das sich als vermeintlich verfolgenswert erwies, war er weg, leise und schnell, als wäre er nie da gewesen. Dabei war es egal, ob ich mit ihm alleine, mit unserem Rudel oder auch mit einer ganzen Gruppe anderer Whippets unterwegs war, gewisse Auslösereize legen bei ihm den berühmten Schalter im Hirn um, er wird von Dr.Jekyll zu Mr.Hyde, und es ist unabsehbar, wann er wohin zurückkehrt, weil er in seine eigene Welt eintaucht und alles um sich herum dem Auslösereiz unterordnet.

Frau Marianne Bunyan meinte dazu, dass dieser starke Jagd- und Hetztrieb bei Whippets immer wieder mal vorkomme und in diesem Fall mit Training kaum etwas auszurichten sei. Sie empfahl mir, eingezäunte bzw. „sichere“ Auslaufflächen zu finden und ihn das Sprinten und Hetzen dort ausleben zu lassen, und ihn ansonsten an der Leine zu führen. Daran halte ich mich konsequent, um weder ihn, noch Wild oder gar Verkehrsteilnehmer zu gefährden.

Gehen wir dann gemeinsam laufen, wie letzten Sonntag, dann lasse ich die Hunde zu Beginn in der Nähe des Parkplatzes sich lösen und ihr Geschäft erledigen, bevor ich sie anleine und wir starten. Denn das Absetzen von Kot ist an der Koppel sicher etwas ungemütlich. Ist das erledigt, geht es los.

Paul ist übrigens seit gestern 5 Jahre alt und kein übermütiger Jungspund mehr, genauso wie Fridolin, der Vizsla, mit seinen 11 Jahren noch topfit ist, sowohl was seine Ausdauer, als auch seine Kraft anbelangt. Es verhält sich also nicht so, dass Paul ständig herumspringen will, und auch nicht so, dass Frido für Paul eine Bremse beim Laufen darstellt. Paul orientiert sich unterwegs sowieso gerne an einem der beiden großen Rüden. Nur hat Amani ein wesentlich größeres Bedürfnis nach Individualdistanz und würde ein Zusammenhängen eher als Zumutung empfinden. Frido ist das egal, und da er kaum noch etwas hört, orientiert er sich in seinem Blickverhalten ständig nach mir und stuft das wichtiger ein als irgendwelche Witterungen von Wild. Frido bleibt somit verlässlich am Weg und ermöglicht gleichzeitig Paul, mit ihm zu schnüffeln und zu markieren. Wenn ich Paul beim Laufen an der Leine führe, bleibt ihm beides verwehrt. Naja, außer vielleicht einmal gemeinsam markieren  Sollte Paul tatsächlich Wild sichten, wird er durch Frido am wegsprinten gehindert (in die 50cm Leine kann er sich nie so reinwerfen wie in eine 1-2m Leine, an der ich ihn führen würde), und im nächsten Moment kann ich eingreifen und Frido unterstützen (haben wir auch schon erlebt). Aber dadurch, dass Frido dann unbeeindruckt weitertrottet, habe ich den Eindruck, dass Paul sogar schneller wieder runterkommt, als wenn ich ihn an der Leine habe.

Zusätzlich habe ich natürlich zwei Leinen mit, um auf etwaige Situationen vorbereitet zu sein. Wann dieses „System“ zur Anwendung kommt? Ausschließlich bei Läufen, die nicht länger sind als 15km bzw. eineinhalb Stunden dauern. Am Sonntag waren es 11km und eine Stunde Laufzeit. Beim Spazierengehen und Wandern führe ich Paul selbst und kann auch leicht seinem Bedürfnis nach Schüffeln und Markieren nachkommen.

Die Hunde kennen diese Praxis seit ca. 3 Jahren, als ich nach Möglichkeiten suchte, Paul irgendwie kleine Freiheiten zu ermöglichen, wenn wir unterwegs sind. Klar wäre er glücklicher, wenn er frei laufen und jagen und hetzen könnte, wie sein Herz begehrt, aber … ihr wisst schon …

 



2 Antworten zu “VIZSLA „führt“ WHIPPET?”

  1. Mel sagt:

    Toller Artikel, Markus! Und super, dass das so funktioniert!

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