Von LUST und FRUST

Ein wunderschöner Morgen Anfang September, blauer Himmel, leichte Föhnstimmung. Nichts wie raus! Um 7 Uhr früh bei 15° C weht uns ein sanfter warmer Wind entgegen, als wir nach Erledigung der wichtigsten Geschäfte in Richtung Burg Liechtenstein loslaufen.

Gemütlich jogge ich den einen Kilometer auf wenig befahrenen Straßen, alle vier Hunde trotten einträchtig neben mir her, links Frido und Amani, rechts die beiden Windhunde Paul und Ecco, bis wir nach Überquerung der einzigen stark frequentierten Durchzugsstraße den Kalenderberg und somit das hügelige Waldgebiet rund um Burg Liechtenstein erreichen. Dort leine ich Frido und Amani ab (denn sie sind ja so verlässlich …), ein paar hundert Meter waldeinwärts dann auch Ecco (der bislang im Freilauf immer brav beim Rudel blieb), nur Paul bleibt wegen seines ausgeprägten Jagdtriebes an der Leine.

Gute Luft, perfekte Temperatur zum Laufen, menschenleer und still präsentiert sich der wunderschöne Mischwald aus Föhren, Buchen, Eichen, Eschen, Erlen und Ahornbäumen, ich genieße jeden Schritt. Die Hunde schnüffeln und markieren, bleiben manchmal etwas hinten, wenn sie ein Duft besonders interessiert, aber nie außer Sichtweite, und sie laufen auch nicht voraus, sondern maximal auf meiner Höhe.

Ich fühle mich gut, steigere das Tempo, obwohl es bergauf geht, da spüre und sehe ich, wie Paul sich anspannt, die Nase erregt Richtung Waldinneres hebt und die Leine sich strafft. Ich verstärke den Griff, damit er mir nicht samt der Leine abhaut (was mir schon zweimal passiert ist – ein Ruck, und weg war er, trotz Leine). Was mir jedoch entgeht, ist, dass Frido Pauls Erregung nicht entgangen ist und er, für mich ebenso unerwartet wie plötzlich, in den Wald abbiegt.

Ehe ich noch zu einer Reaktion fähig bin, setzt Ecco Frido nach. Eine ältere Dame, flott ihre Nordic Walking – Stöcke über den Boden schleifend,  passiert die Szene und beobachtet interessiert, wie ich – mehr oder weniger fassungslos – mit einem wie ein Gummiball auf und ab hüpfenden Whippet an der Leine, der frustriert japst, weil ausgerechnet er, der „Entdecker“ der vermeintlichen Beute und der Schnellste des Rudels, daran gehindert wird, seiner Leidenschaft entschlossen nachzugehen. Diese Aufregung und das Japsen von Paul entgeht auch Amani nicht, der wie immer als Nachhut betont lässig und gemütlich daherkommt und von einer Zehntelsekunde auf die andere umschaltet auf Vollgas. Ich versuche noch, ihn mit einem Schritt in seine Richtung und einer stoppenden Handbewegung einzubremsen, aber schon wieder sehe ich ziemlich alt aus. Ein Seitenblick auf mich ist alles, was er für mich übrig hat, bevor auch er im Wald verschwindet. Die walkende Dame, die alles mit angesehen hat,  schenkt mir noch einen Blick zurück über die Schulter, den ich im Augenblick nicht interpretieren möchte. Paul, zweifelsfrei der Initiator der ganzen Aktion, zappelt immer noch an der Leine, und mir kommt das Ganze vor wie eine Verschwörung. 

Aber erst bleibe ich gelassen, schließlich wissen Amani und Frido (die ja so verlässlich sind …), dass längeres Hetzen oder Spurenverfolgen nur anstrengend ist und noch nie zu einem Erfolg geführt hat, was bedeutet, dass sie nach ein, längstens zwei Minuten wieder daherdackeln. Aber Ecco? Was wird er machen? Ich höre angestrengt in den Wald, ob es schon raschelt im Gebüsch und wer wohl als Erster zurückkommt.

Doch heute läuft es anders: Fünf Minuten lang tut sich gar nichts. Dann beginne ich zu pfeifen. „Unseren“ Pfiff. Gleich darauf raschelt es wirklich und – Ecco ist wieder da. Er wird kommentarlos angeleint. Ein weiterer Pfiff. Nichts. Da höre ich Frido. Er heult. Das tut er immer, wenn er mich nicht mehr findet. Es kommt aus der Richtung, aus der wir gekommen sind. Also los und wieder retour. Ich pfeife wieder. Nichts. Hm. Ich laufe zurück bergauf, dorthin, wo die Hunde sich verabschiedet haben. Nichts. Inzwischen ist eine Viertelstunde vergangen. Ich beschließe, eine Runde um das Gebiet zu drehen, in dem ich die Hunde vermute, und pfeife in Abständen von ca. 100m immer wieder. Mit den beiden Windhunden kann ich ein gutes Tempo vorlegen. Paul hat sich inzwischen beruhigt, Ecco gefällt das neue Spiel . Nach einiger Zeit endlich wieder das Heulen von Frido. Ich pfeife, laufe in seine Richtung. Nachdem er ja ziemlich taub ist, weiß ich nicht, ob er mein Pfeifen überhaupt hören kann. Wir biegen aus dem Wald auf einen größeren Weg ein. Da steht er. Sichtlich erleichtert läuft er auf uns zu, etwas vorsichtig geduckt, nicht sicher, ob ich jetzt schimpfen werde. Ich ignoriere ihn, leine ihn auch nicht an, weil ich weiß, er wird uns nicht mehr von der Seite weichen.

Doch wo ist Amani?

Eine weitere Dame kommt des Weges, mittleres Alter, Trainingsanzug. „Suchen Sie einen braunen Hund?“ – „Ja, genau.“ –  „Der ist vor ein paar Minuten in die andere Richtung gelaufen. Sie müssen sie eben an die Leine nehmen.“  – Ich bedanke mich und verkneife mir eine Antwort. Das war jetzt nötig. Klar, dass die Frau blond ist . Und ebenso klar, dass sie prinzipiell recht hat. Aber eben nur prinzipiell. So was wie heute ist mir mit Amani bisher erst zwei Mal passiert. Da war er drei bzw. fünf Jahre alt. Jetzt ist er neun und für so etwas eigentlich viel zu faul. Dachte ich, zumindest. Dennoch: Ich gehe mit den Hunden mindestens zehnmal pro Woche in den Wald. Jahraus, jahrein, bei jedem Wetter. Das macht bei neun Jahren mindestens 460 Waldspaziergänge, bei denen er dreimal abgehauen ist. Deswegen soll ich ihn immer an der Leine führen? Wo er ansonsten absolut verlässlich und problemlos ohne Leine läuft? Menschen aller Alters- und Aktivitätsklassen ignoriert? Das meinte ich mit „nur prinzipiell“. Aber momentan ist das nicht relevant. Ich laufe in die Richtung, die mir die Frau gezeigt hat, wieder flott, nur durch Pfiffe unterbrochen. Aber Amani taucht nicht auf. Obwohl ich die Runde in einem größeren Radius pfeifend wiederhole. Wo kann er sein, dass er das Pfeifen nicht hört? Für mich gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist er auf den großen Parkplatz, von dem aus die meisten Spaziergänger und Läufer starten, oder er ist wirklich auf dem gleichen Weg, auf dem wir gekommen sind, wieder zurückgelaufen. Ca. 45 Minuten nach dem Abgang der Hunde entschließe ich mich für die zweite Möglichkeit und laufe wieder nach Hause. Überquere die Durchzugsstraße, die inzwischen, um 8:30 Uhr, nicht mehr so stark befahren ist, erhöhe nochmals das Tempo. Als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich ihn schon von weitem, der Teufelskerl ist tatsächlich alleine nach Hause gelaufen und wartet – wie lange wohl schon – vor der Haustüre. Ich lasse mir meine Freude und Erleichterung nicht anmerken und ignoriere ihn so gut ich kann. Denn so geht´s ja wirklich nicht …

Fazit: Alles gut gegangen, ABER … was wäre gewesen, wenn … er einen Verkehrsunfall verursacht hätte, überfahren worden wäre, die Polizei ihn aufgegriffen hätte, etc. Die Gedanken und Bilder, die mir während der Abwesenheit der Hunde und meiner Suche durch den Kopf gegangen sind, würden einen eigenen Artikel füllen. Die Gefühlsschwankungen zwischen Schreck, Wut, Angst, Ohnmacht, Frustration, Ratlosigkeit einerseits, und Freude, Erleichterung, Liebe, ja am Ende sogar Stolz über seine Problemlösungskompetenz andererseits haben meinen Puls wahrscheinlich mehr beeinflusst als die Laufanstrengung, die mir erst bewusst wurde, als ich unter der Dusche stand, nach immerhin 10km Hügellauf. Was heißt das jetzt? Bewirkt das, dass ich alle von nun an nur mehr an der Leine führe? Habe ich mein Vertrauen in die Verlässlichkeit der beiden Alten verloren? Weder noch. Ich werde wieder Einheiten integrieren, wo wir als Rudel gemeinsam und eng durch den Wald gehen, ohne Leine und ohne Schnüffeln und Markieren, um das Dabeibleiben zu stärken. Und ich werde wieder aufmerksamer und schneller reagieren, wenn Paul eine Jagd anzettelt. Meine Aufmerksamkeit und Konsequenz sind gefordert. Nicht zuletzt, um Ecco nicht das schmackhaft zu machen, weswegen Paul immer an der Leine ist …



4 Antworten zu “Von LUST und FRUST”

  1. […] dem „Lust und Frust“- Erlebnis im vorigen Monat (http://mehrhundhalter.com/2017/09/05/von-lust-und-frust/) war ich dazu übergegangen, immer nur einen der Hunde, nach einer Woche dann zwei von ihnen […]

  2. Kurt Aufderklamm sagt:

    Ich finde deinen Umgang mit den vier Hunden großartig , beispielhaft !

  3. Jordis sagt:

    Mitte August habe ich mir die Hunde der Familie Tobisch angeschaut, weil ich einen evtl. Nachfolger für meinen alten Weimaraner suche.Deshalb verfolge ich Eccos Entwicklung neugierig! Der beeindruckende Topazio in jung ! Viel Erfolg weiterhin . Übrigens läuft das bei mir genauso : Der alte Hund dreht ein Nasenloch in Richtung Spur, der junge läuft los. Herzliche Grüße aus Oberbayern !

  4. Sarah sagt:

    Hallo😁
    Ein gelungener Artikel, dem ich mit zwei Hunden nachempfinden kann😂 Gut dass nichts passiert ist und Du wieder Einheiten einführen wirst.
    Es gibt nichts was es nicht gibt, egal wie alt die Hunde sind..

    Viele Grüße Sarah mit Bisco&Ela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.